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Wasserland Niederlande: Deiche, Deltawerke & Afsluitdijk

Rund ein Viertel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Dass dort trotzdem Städte stehen, Kühe grasen und Züge fahren, ist kein Naturzustand, sondern das Ergebnis von achthundert Jahren Arbeit gegen das Wasser. Wer diese Bauwerke besucht, versteht das Land danach besser als nach jedem Museumsbesuch.

Hier stehen die wichtigsten Orte: die Deltawerke in Zeeland, die Maeslantkering bei Rotterdam, der Afsluitdijk im Norden, die Mühlen von Kinderdijk und die neue Idee, den Flüssen wieder Platz zu geben statt die Deiche immer höher zu bauen.

Wasserland Niederlande: Deiche, Deltawerke & Afsluitdijk
Foto: Bj.schoenmakers, CC0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • Unter dem MeeresspiegelRund ein Viertel der Landesfläche
  • FlutkatastropheNacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953
  • DeltawerkeAbgeschlossen 1997 mit der Maeslantkering
  • Afsluitdijk32 Kilometer, fertiggestellt 1932
  • UNESCOKinderdijk, Beemster, Dampfschöpfwerk Lemmer, Schokland, Wattenmeer
  • BesuchsdauerJe Bauwerk 2 bis 3 Stunden

Warum ein Viertel des Landes unter dem Meeresspiegel liegt

Der Grund ist zum großen Teil hausgemacht. Im Mittelalter begannen Bauern, Moorgebiete zu entwässern, um Ackerland zu gewinnen. Trockenes Moor sackt jedoch zusammen, das Land senkte sich, also musste weiter entwässert werden. Aus diesem Kreislauf entstand die Landschaft, die du heute siehst: Polder, die tiefer liegen als das Wasser rundherum, gehalten von Deichen und Pumpen.

Der tiefste Punkt liegt im Zuidplaspolder östlich von Rotterdam, knapp sieben Meter unter dem Meeresspiegel. Gemessen wird alles am Normalen Amsterdamer Pegel, einem Referenzwert, der ursprünglich vom Wasserstand im Amsterdamer Hafen abgeleitet wurde. Er ist bis heute die Bezugsgröße für Höhenangaben in weiten Teilen Mitteleuropas.

Verwaltet wird das Wasser von den Wasserverbänden, den „waterschappen“. Sie sind die ältesten demokratischen Institutionen des Landes, älter als das Parlament, und ihre Vorstände werden bis heute gewählt. Das erklärt viel über die niederländische Neigung zum Aushandeln: Wer gemeinsam einen Deich unterhält, muss sich einigen.

1953: die Nacht, die alles veränderte

In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953 trafen eine schwere Sturmflut und Springtide zusammen. Deiche brachen an hunderten Stellen, vor allem in Zeeland, im Süden von Südholland und in Nordbrabant. Mehr als 1800 Menschen starben, zehntausende verloren ihr Zuhause. Es ist die prägende Katastrophe der modernen niederländischen Geschichte.

Die Antwort kam schnell und war radikal: der Deltaplan. Statt endlos Deiche zu flicken, sollten die Meeresarme im Südwesten geschlossen und die Küstenlinie drastisch verkürzt werden. Was daraus wurde, kannst du heute besichtigen.

Gut zu wissen: Das Museum zur Flutkatastrophe steht in Ouwerkerk auf Schouwen-Duiveland, untergebracht in den vier riesigen Betonkästen, mit denen der letzte Deichbruch geschlossen wurde. Es ist der eindrücklichste Ort in Zeeland, um zu verstehen, worum es hier geht, und deutlich bewegender als jedes technische Modell.

Die Deltawerke: was du wirklich sehen kannst

Das bekannteste Bauwerk ist die Oosterscheldekering, das Sturmflutwehr in der Oosterschelde. Es ist rund neun Kilometer lang und funktioniert anders als geplant: Ursprünglich sollte der Meeresarm komplett zugeschüttet werden. Fischer und Naturschützer protestierten jahrelang, weil damit das gesamte Gezeitenleben verschwunden wäre. Am Ende entstand ein Wehr mit Toren, die normalerweise offen stehen und nur bei Sturm geschlossen werden. Das Wasser bleibt salzig, die Ebbe kommt weiter.

Besichtigen kannst du das von der ehemaligen Bauinsel Neeltje Jans mitten im Wehr. Dort gibt es eine Ausstellung, du kommst dicht an die Pfeiler heran und siehst, in welcher Größenordnung hier gebaut wurde. Rechne mit zwei bis drei Stunden. Anreise per Auto ist am einfachsten, mit dem Bus geht es, dauert aber deutlich länger.

Die Deltawerke wurden 1997 mit der Maeslantkering abgeschlossen, dem letzten und ungewöhnlichsten Teil.

Die Maeslantkering bei Rotterdam

Der Zugang zum Hafen von Rotterdam durfte nicht zugebaut werden, sonst hätte man die Wirtschaft abgeklemmt. Die Lösung sind zwei gewaltige Schwenkarme, die normalerweise in Trockendocks am Ufer liegen und bei Sturmflut auf den Fluss schwenken. Jeder Arm ist ungefähr so lang wie der Eiffelturm hoch ist.

Das Bemerkenswerte ist, dass kein Mensch die Entscheidung trifft. Ein Computersystem wertet Pegel- und Wetterdaten aus und schließt das Wehr selbstständig, wenn ein bestimmter Wasserstand droht. Einmal im Jahr wird zur Probe geschlossen, das ist der Tag, an dem man dort hinfährt. Ein Informationszentrum am Wehr erklärt die Technik ganzjährig.

Vom Zentrum Rotterdams aus ist das ein Halbtagesausflug. Wer ohnehin an der Küste unterwegs ist, verbindet es mit Hoek van Holland und dem Strand.

Der Afsluitdijk

Zweiunddreißig Kilometer schnurgerader Damm zwischen Nordholland und Friesland, fertiggestellt 1932. Er verwandelte die Zuiderzee, einen offenen Meeresbusen, in das Süßwasser-IJsselmeer und beendete damit die Sturmfluten im Landesinneren. Gleichzeitig verloren die alten Zuiderzeehäfen ihren Zugang zum Meer, ganze Fischerorte mussten sich neu erfinden.

Die Fahrt hinüber ist eindrucksvoll und gleichzeitig eintönig: links das Wattenmeer, rechts das IJsselmeer, dazwischen Asphalt und Wind. In der Mitte liegt ein Aussichtspunkt an der Stelle, an der die letzte Lücke geschlossen wurde. An beiden Enden liegen Schleusenkomplexe, am friesischen Ende gibt es außerdem ein Ausstellungszentrum zum Wattenmeer.

Achtung: Der Damm wird seit Jahren umfassend verstärkt und umgebaut. Rechne mit Baustellen, gesperrten Radwegen und geänderten Zugängen. Prüf vor der Fahrt auf der offiziellen Website, was gerade offen ist, sonst stehst du vor einer Absperrung.

Das Wattenmeer nördlich des Damms gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe. Wanderungen ins Watt sind ausschließlich mit Führung erlaubt, ohne Guide sind sie lebensgefährlich. Wie das abläuft und wo die Touren starten, steht unter Wattenmeer und Wattwandern.

Mühlen, Polder und Pumpen

Bevor es Dampf und Diesel gab, erledigten Windmühlen die Entwässerung. Am eindrucksvollsten steht das noch in Kinderdijk, wo neunzehn Mühlen aus dem 18. Jahrhundert an einem Kanalsystem aufgereiht sind. Der Ort gehört zum UNESCO-Welterbe und ist der beste Platz, um die Technik nicht nur zu sehen, sondern zu verstehen: Zwei Mühlen kannst du von innen besichtigen, inklusive der Wohnräume der Müllerfamilien. Alles Praktische dazu steht unter Kinderdijk ab Rotterdam und unter Kinderdijk.

Die zweite UNESCO-Adresse ist die Beemster nördlich von Amsterdam, ein Polder aus dem frühen 17. Jahrhundert, der komplett am Reißbrett entstand: rechtwinklige Straßen, geometrische Felder, Wasserläufe im Raster. Die dritte ist das Dampfschöpfwerk bei Lemmer in Friesland, die größte noch arbeitende Dampfpumpstation der Welt. Sie wird bis heute angeworfen, wenn die modernen Anlagen nicht reichen.

Wer sich vor allem für die Mühlen selbst interessiert, findet die Auswahl im ganzen Land unter Windmühlen in den Niederlanden.

Das jüngste Kapitel heißt Flevoland. Diese Provinz lag bis vor wenigen Jahrzehnten unter Wasser. Der Noordoostpolder fiel in den vierziger Jahren trocken, die übrigen Polder folgten in den fünfziger und sechziger Jahren. Heute stehen dort Städte, die jünger sind als die meisten Menschen, die darin wohnen. Mittendrin liegt Schokland, eine ehemalige Insel, die heute als Bodenwelle im Acker liegt und als erste niederländische Stätte auf die Welterbeliste kam.

Raum für den Fluss statt höhere Deiche

1993 und 1995 kam die Gefahr nicht vom Meer, sondern von Rhein und Maas. Beim zweiten Hochwasser wurde rund eine Viertelmillion Menschen evakuiert. Danach setzte sich eine andere Denkweise durch: Deiche immer weiter zu erhöhen verschiebt das Problem nur flussabwärts. Besser ist es, den Flüssen Raum zurückzugeben.

Am sichtbarsten ist das in Nijmegen. Dort wurde der Deich landeinwärts verlegt und ein zweiter Flussarm gegraben. Zwischen altem und neuem Bett entstand eine Insel, dazu ein langer Wasserlauf mit Uferpromenaden, Brücken und Badestellen mitten in der Stadt. Aus Hochwasserschutz wurde Stadtraum, und genau deshalb wird dieses Projekt weltweit angeschaut.

So verbindest du das zu einer Reise

Zwei sinnvolle Kombinationen: Im Südwesten hängst du Deltawerke, Flutmuseum und Zeeland an einen Rotterdam-Aufenthalt an, dazu Kinderdijk als Halbtagesausflug. Im Norden verbindest du Afsluitdijk, Wattenmeer und Friesland, am besten mit einem Tag auf einer der Inseln.

Praktisch brauchst du für die großen Bauwerke ein Auto, weil sie außerhalb der Städte liegen und Busse dort selten fahren. Rechne mit Umweltzonen, sobald du in die Innenstädte zurückkehrst, und stell den Wagen dort besser am Rand ab. Auf Deichen und Dämmen führen fast immer Radwege entlang: schön zu fahren, aber der Wind kommt hier ungebremst, und als Fußgänger stellst du dich auch dort nicht auf den Radstreifen. In den Besucherzentren bezahlst du wie überall im Land mit Karte, Bargeld nehmen viele gar nicht mehr an.

Häufige Fragen

Liegen die Niederlande wirklich unter dem Meeresspiegel?

Ein Teil davon, ja. Rund ein Viertel der Landesfläche liegt unter dem Meeresspiegel, ein deutlich größerer Anteil wäre ohne Deiche und Pumpen überflutungsgefährdet. Der tiefste Punkt liegt östlich von Rotterdam, knapp sieben Meter unter dem Meeresspiegel. Ursache ist die jahrhundertelange Entwässerung von Moorböden, die dabei zusammensacken.

Was sind die Deltawerke genau?

Eine Reihe von Dämmen, Schleusen und Sturmflutwehren im Südwesten des Landes, gebaut als Antwort auf die Flutkatastrophe von 1953. Sie verkürzen die Küstenlinie und schützen Zeeland und Südholland. Das bekannteste Bauwerk ist die Oosterscheldekering, deren Tore normalerweise offen stehen. Abgeschlossen wurden die Deltawerke 1997 mit der Maeslantkering bei Rotterdam.

Kann man die Deltawerke besichtigen?

Ja. Auf der ehemaligen Bauinsel Neeltje Jans mitten im Sturmflutwehr gibt es eine Ausstellung, und du kommst dicht an die Pfeiler heran. Plane zwei bis drei Stunden ein. Am Wehr bei Rotterdam informiert ein eigenes Zentrum über die Technik. Anreise am einfachsten mit dem Auto, Busse fahren dorthin selten. Bezahlt wird mit Karte.

Lohnt sich eine Fahrt über den Afsluitdijk?

Als Erlebnis ja, als Sehenswürdigkeit nur bedingt. Zweiunddreißig Kilometer gerader Damm zwischen Wattenmeer und IJsselmeer sind beeindruckend und gleichzeitig monoton. Der Aussichtspunkt in der Mitte und das Ausstellungszentrum am friesischen Ende lohnen den Stopp. Der Damm wird seit Jahren umgebaut, prüf vorher, welche Zugänge und Radwege offen sind.

Wo versteht man die Wassergeschichte am besten?

In Ouwerkerk auf Schouwen-Duiveland. Das Museum zur Flutkatastrophe von 1953 steckt in den Betonkästen, mit denen der letzte Deichbruch geschlossen wurde, und erzählt die Nacht aus der Sicht der Betroffenen. Danach begreifst du, warum das Land so baut, wie es baut. Als technische Ergänzung passen Neeltje Jans und Kinderdijk gut dazu.