Provinz Utrecht · Utrecht

Grachten & Werfkeller

Utrecht hat die ungewöhnlichsten Grachten der Niederlande. Das Wasser liegt mehrere Meter unter dem Straßenniveau, und dazwischen läuft ein zweiter Kai, die Werf. Von dort gehen Gewölbekeller unter die Straße bis in die Häuser hinein. Dieses zweistöckige System stammt aus dem Mittelalter und ist in Europa einmalig.

Für dich heißt das: Du sitzt hier nicht über dem Wasser, sondern daran, mit vorbeifahrenden Booten auf Augenhöhe. Hier steht, wie die Werfkeller entstanden sind, welche Abschnitte du zu Fuß nimmst und ob sich Rundfahrt, Elektroboot oder Kanu lohnt.

Grachten & Werfkeller
Foto: Henk Monster, CC BY 3.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • ProvinzUtrecht
  • OudegrachtGut 2 Kilometer durch die Altstadt
  • BesonderheitWerfkeller auf zwei Ebenen, in Europa einmalig
  • Entstanden12. bis 14. Jahrhundert aus einem Rheinarm
  • Dauer2 Stunden zu Fuß, rund 1 Stunde per Boot
  • Beste ZeitSpäter Nachmittag, wenn die Sonne auf die Werf fällt

Zwei Ebenen: Straße oben, Werf unten

Stell dich auf die Maartensbrug und schau nach unten. Unter dir liegt nicht sofort das Wasser, sondern ein Kai: schmal, gepflastert, mit Bäumen und Terrassen. Das ist die Werf. Erst dahinter kommt die Gracht. Zwischen Straße und Wasser liegen mehrere Meter, und diese Höhe ist der ganze Unterschied zu Amsterdam.

In der Wand hinter der Werf siehst du Türen und Bögen. Dahinter liegen Gewölbekeller, die unter der Straße hindurch bis in die Häuser reichen: die Werfkeller. Ein Haus an der Oudegracht hat also einen Eingang oben an der Straße und einen zweiten unten am Wasser. Diese doppelte Erschließung gibt es in dieser Form nirgendwo sonst in Europa.

Wie das System entstanden ist

Die Oudegracht war ursprünglich ein Arm des Rheins. Im 12. Jahrhundert verlandete der Fluss, der Wasserstand sank, und die Stadt baute den Lauf zu einem Kanal mit festen Kaimauern um. Damit lag das Wasser plötzlich tief unter der Straße, und der Raum dazwischen war ungenutzt.

Die Kaufleute an der Gracht lösten das auf die praktischste Art: Sie gruben sich vom Kai aus Lagerräume unter die Straße, direkt unter ihr eigenes Haus. Ware kam mit dem Boot, wurde auf der Werf abgeladen, wanderte in den Keller und von dort über eine Treppe ins Wohnhaus. Ein mittelalterliches Logistiksystem, das im 14. Jahrhundert weitgehend fertig war und die Stadt bis heute prägt.

Als der Warenverkehr über das Wasser endete, standen die Keller leer. Heute stecken Cafés und Wohnungen darin. Deshalb sitzt du in Utrecht am Wasser statt darüber.

Tipp: Wechsle beim Laufen ständig die Ebene. Ein Stück oben auf der Straße, an der nächsten Treppe hinunter auf die Werf, unten weiter bis zur übernächsten Brücke, dann wieder hoch. Oben siehst du die Fassaden, unten die Keller und das Wasser. Wer nur oben bleibt, hat Utrecht halb gesehen.

Die schönsten Abschnitte zu Fuß

Der klassische Teil der Oudegracht liegt zwischen Stadhuisbrug und Geertebrug. Hier stehen mittelalterliche Steinhäuser, hier sind die Werfen am breitesten und die Terrassen am dichtesten.

Ruhiger und für viele schöner ist die Nieuwegracht, die im 14. Jahrhundert gegraben wurde. Sie hat dieselben Werfen, aber alte Bäume, steinerne Brücken und kaum Läden, dafür Stadthäuser und Klostergebäude. Wenn du abends nur eine Gracht ablaufen willst, nimm diese. Am südlichen Ende beginnt das Museumkwartier, von dort sind es wenige Minuten zum Centraal Museum.

Der Wassergraben um die Altstadt ist eine eigene Geschichte: Im Westen war er jahrzehntelang zugeschüttet und diente als Schnellstraße, seit 2020 fließt dort wieder Wasser.

Vom Wasser aus: Rundfahrt, Sloep oder Kanu

Vom Wasser aus wirken die Keller stärker, weil du die ganze Kaimauer im Blick hast. Es gibt drei Wege hinaus: die geführte Rundfahrt im offenen Boot, die etwa eine Stunde dauert und an der Oudegracht ablegt, ein kleines Elektroboot ohne Führerschein, das sich ab drei Personen lohnt, und das Kanu als günstigste Variante.

Mit dem Kanu kommst du am nächsten ans Wasser, musst aber auf den Verkehr achten: Motorboote, Ruderer und Ausflugsboote teilen sich einen schmalen Kanal. Für den ersten Paddelversuch ist das kein guter Ort.

Achtung: Die Treppen von der Straße zur Werf sind steil, oft ohne Geländer und bei Regen glatt. Unten gibt es keine Absperrung zum Wasser, das ist mit kleinen Kindern und nach dem zweiten Bier ein echtes Thema. Und oben gilt die Grundregel des Landes: Der rote Streifen ist ein Radweg, kein Bürgersteig. Zum Fotografieren immer erst einen Schritt zur Seite treten.

Terrassen auf der Werf

Ab dem Frühjahr stehen unten Tische, dicht an dicht. Die eine Seite liegt vormittags in der Sonne, die andere nachmittags, wechsle also die Seite statt zu warten. Reserviert wird meist nicht, bei Sonne sind die besten Plätze früh besetzt.

Bezahlt wird fast überall mit Karte, viele Betriebe nehmen gar kein Bargeld mehr an. Welche Ecken sich lohnen, steht unter Essen und Trinken in Utrecht.

Tickets: Für die geführte Rundfahrt kannst du meistens spontan am Steg buchen, an Sonnentagen im Sommer und an Wochenenden ist es sicherer, online vorzubuchen. Elektroboote und Kanus reservierst du besser einige Tage vorher, weil die Flotten klein sind. Vergleiche vor der Buchung, ob die Fahrt auch durch die Nieuwegracht führt: Diese Runde ist die ruhigere und die schönere.

Wie du beides verbindest

Der beste Ablauf ist zu Fuß beginnen und mit dem Boot enden, dann fällt dir auf, wie viel du vorher übersehen hast. Der Domturm steht zweihundert Meter entfernt, das Museum Speelklok direkt an der Oudegracht. Die restlichen Höhepunkte stehen in der Übersicht der Sehenswürdigkeiten in Utrecht, die Grundlagen zum Rad unter Verkehr in Utrecht.

Wenn es nicht klappt

  • Wenn es voll istAn warmen Wochenenden sind die Terrassen auf der Werf ab dem frühen Nachmittag voll. Weich auf die Nieuwegracht aus, dort ist es fast immer ruhig, oder lauf die Oudegracht nach Süden über die Geertebrug hinaus. Bootstouren sind an solchen Tagen vorab ausgebucht, dann bleibt das Kanu.
  • Wenn es regnetBei Regen sind die Treppen zur Werf glatt und unten sitzt niemand mehr. Die überdachten Terrassen direkt vor den Kellern bleiben trotzdem nutzbar, und viele Werfkeller sind Innenräume. Alternativ ins Museum Speelklok an der Oudegracht, das liegt zwei Minuten entfernt.
  • Mit KindernDie Werf hat keine Absperrung zum Wasser, kleine Kinder gehören hier an die Hand. Dafür ist die Ebene selbst autofrei und für Kinder spannend. Eine Bootsfahrt funktioniert gut, ein Kanu erst mit größeren Kindern.
  • Mit eingeschränkter MobilitätDie Werf erreichst du fast nur über steile Treppen ohne Aufzug, mit Rollstuhl oder Kinderwagen ist sie kaum zugänglich. Oben auf Straßenniveau kommst du überall entlang, allerdings über Kopfsteinpflaster. Die Bootsanleger liegen unten, frag beim Anbieter vorher nach einer Einstiegshilfe.

Häufige Fragen

Was sind Werfkeller?

Gewölbekeller, die von der tiefer liegenden Kaiebene aus unter die Straße bis in die Häuser reichen. Sie entstanden im Mittelalter als Lagerräume: Ware kam per Boot, wurde auf der Werf abgeladen und direkt in den Keller gebracht. Heute stecken Cafés, Restaurants und Wohnungen darin. Diese doppelte Ebene macht die Utrechter Grachten in Europa einmalig.

Lohnt sich eine Grachtenrundfahrt in Utrecht?

Ja, denn vom Wasser aus siehst du die Kaimauern mit den Kellertüren in voller Höhe, was von oben unmöglich ist. Die Fahrt dauert rund eine Stunde. Achte darauf, ob die Route auch durch die Nieuwegracht führt, dieser Teil ist ruhiger und schöner als die belebte Oudegracht.

Wie unterscheiden sich Utrechts Grachten von Amsterdam?

In Amsterdam liegt das Wasser dicht unter dem Straßenniveau, die Grachten sind im 17. Jahrhundert als Ringe gegraben worden. Utrechts Oudegracht war ein Rheinarm, ist deutlich älter und liegt mehrere Meter tiefer. Dazwischen läuft die Werf mit ihren Kellern. Deshalb sitzt du hier auf Bootshöhe statt oben am Geländer.

Kann man in Utrecht Kanu fahren?

Ja, Kanus und Kajaks kann man mieten und damit durch die Grachten und um den Wassergraben paddeln. Es ist die günstigste Art, aufs Wasser zu kommen, und du fährst unter sehr niedrigen Brücken hindurch. Der Kanal ist allerdings schmal und wird von Motorbooten mitbenutzt, für den ersten Paddelversuch ist das kein idealer Ort.

Wo sitzt man in Utrecht am schönsten am Wasser?

Auf der Werf der Oudegracht zwischen Stadhuisbrug und Geertebrug, dort stehen die meisten Terrassen. Die eine Seite hat vormittags Sonne, die andere nachmittags, wechsle einfach die Seite. Wer es ruhiger mag, geht an die Nieuwegracht. Reservieren kann man meist nicht, bei Sonne sind die Plätze früh belegt.